Angriff auf ein Elternrecht!

Wenn das eigene Kind spielt, hat der Spaß ein Ende

Wenn das eigene Kind spielt, hat der Spaß ein Ende

(Foto: Renate Schmidt)

Zu viel Druck für die Kleinen?

Zu viel Druck für die Kleinen?

(Foto: oh)

Von Thomas Hummel

Eltern aller Länder vereinigt euch! Pädagogen und Seelenstreichler wollen euch eines Grundrechts berauben: Am Wochenende mal richtig Dampf abzulassen. Am besten geht das - das weiß jeder, der schon mal dabei war - wenn das eigene Kind Fußball spielt. Am Spielfeldrand ist noch jedes Stresshormon abgebaut worden, hat sich noch jedes Stimmband entzündet. Doch nun starten überall in Europa Kampagnen, den Eltern ein ruhiges Verhalten beizubringen.

In Berlin veranstaltet der neue Präventionsbeauftragte des Fußballverbands Elternabende in den Vereinsheimen. In Bayern schafft der Verband bei Unter-Elfjährigen die Tabellen ab, auch, weil Eltern zu starken Leistungsdruck auf die Knirpse ausüben. Und der Norwegische Fußballverband (NFF) hat sogar einen Verhaltenskodex herausgegeben. "Von Zeit zu Zeit gibt es Eltern, die zu ehrgeizig werden und ihre Emotionen nicht mehr im Griff haben", begründen die Norweger.

Kernproblem: das Spiel an sich

Zugegeben, damit liegt der NFF nicht ganz falsch. Viele Eltern projizieren die selbst verpassten Meisterschaftsträume auf den Nachwuchs oder wollen die Kleinen herrschaftlich herumkommandieren. Wenn das eigene Kind die Stollenschuhe anzieht, hört der Spaß auf, sie verwandeln sich bei einem F-Juniorenspiel von friedlichen, unbescholtenen Bürgern zu heißblütigen Furien und benutzen vergessen geglaubte Flüche. Die 70 Spielabbrüche in Berliner Jugendligen während einer Saison wegen Prügeleien, die unzähligen Psychosen der Kleinen wegen Überforderung und die Schmerzen der vermöbelten Schiedsrichter allerdings allein diesen Eltern in die Schuhe zu schieben, ist unfair.

Das Kernproblem ist das Spiel an sich, das die schönsten Feindbilder dieser Gesellschaft parat stellt: Erstens natürlich das gegnerische Lager. Dann der Pfeifenmann, immer ein geeignetes Ziel für Schimpftiraden. Oft provoziert auch der eigene Trainer, wenn er den Sohn/die Tochter falsch/gar nicht einsetzt. Nicht zu vergessen: die Mitspieler, die auf dem Spielfeld stets für Niederlagen verantwortlich sind, während das eigene Kind erst zu Hause den Kopf gewaschen bekommt.

In so einer Atmosphäre konnte sich nicht einmal der als Ruhepol bekannte Werner Lorant beherrschen. Im Jahr 2003 ist er bei einem D-Juniorenspiel auf den Rasen gelaufen und soll dem 13-jährigen Gegenspieler seines Sohnes eine Ohrfeige verpasst haben. Der heutige Trainer des Regionalligisten Unterhaching mit dem Beinamen "Beinhart" bestritt zwar, handgreiflich geworden zu sein, rechtfertigte aber grundsätzlich sein Eingreifen: "Der Junge hat meinem Sohn den Ellbogen in den Bauch gestoßen. Ich lasse meinen Sohn von keinem Menschen auf der Welt schlagen." Richtig so!

Bier nur noch auf dem Klo?

Jetzt kommen wieder die Norweger ins Spiel, die nicht nur Ohrfeigen für unverschämte Gegenspieler unterbinden wollen. Sie wollen mehr! Beispiele: "Spornen Sie die Kinder an - egal, ob es gut läuft oder schlecht." Klar, der Kleine spielt den größten Mist und ich kauf ihm dafür den Eisbecher Grande, oder was!? "Lernen Sie, den Schiedsrichter als einen Ratgeber zu sehen - respektieren Sie seine Entscheide." Hey, der andere war beim Tor mindestens acht Meter im Abseits, der Schiri braucht 'nen Blindenhund! "Vergessen Sie nicht, dass Ihr Kind der Fußballspieler ist - nicht Sie." Ja, aber so gut wie ich mal war, wird der nie, da kann er Tag und Nacht trainieren! "Zeigen Sie Respekt - rauchen Sie nicht in der Nähe des Spielfelds." Am Ende muss ich zum Biertrinken wohl aufs Klo gehen?!

Wenn nichts geschieht, neigen sich die schönen, schrillen, entladenden Samstagvormittage auf den Bezirkssportanlagen dem Ende zu. Und wer soll dann die ganze aufgestaute Aggression der Eltern nach einer 60-Stunden-Woche im Büro abkriegen?

(sueddeutsche.de)

Kommentare zum Text

12.09.2007 09:52:50
WPJ: Wundert einen nicht
hobuk
gebe Ihnen voll recht. Was ich selber erlebt habe in Pforzheim bei einem Fussballspiel als DRK Delegierter ist, dass bei der Entscheidung bei einem Foul, ein Vater auf den Platz ging und den Straftäter Ohrfeigte vor den Augen des Schiedsrichters.
Das war für mich der Auslöser sich von dieser Sportart zu distanzieren, und keinen Dienst mehr auf einem Fußballplatz anzunehmen.
Das der Fußballbund so reagiert wurdert mich nicht. Den hier ist der Wunsch der Eltern höher wie das was das Kind im Moment zu Leisten vermag. Auch kann ein achthjähriger nicht verstehen, was die Großen können , denn hier fehlt die Spielerfahrung die erst mit den Jahren wachst.
Man sieht dies leider auch bei anderen Sportarten. Die Eltern sind die treibende Kraft und sehen nicht oder wollen es nicht sehen, das Ihr Kind dafür nicht geeigent ist.
Warum sich Eltern so verhalten ist zu ergründen normal ist es auf keinen Fall.


11.09.2007 13:00:39
Triple_kKk: Schiri schickt Eltern vom Platz
@ bluelog
Versuchen sie mal als teilweise 16-jähriger ca. 10-15 schreiende und pöbelnde Eltern vom Platz zu stellen wenn die Mannschaft der Kinder 0:12 hinten liegt (ist bei Jugendspielen ja keine Seltenheit). Das wird nicht funktionieren.

11.09.2007 12:43:26
bluelog: Flügelflitzer

Wer ist nicht heimlich stolz, wenn der eigene Fünfjährige mit dem Ball auf's Tor stürmt und dabei gröhlt "Jetzt hau ich Dir den Ball voll durch die Kiste" ?
Natürlich weissen wir nachher als ehemalige SoWi-und Deutsch-Schüler auf mangelndes Fairplay und zweifelhafte Grammatik hin, aber so cool wollten wir doch alle selbst gewesen sein, oder ?

11.09.2007 12:41:11
dirkkid: Welch ärmliche Logik
"Der Junge hat meinem Sohn den Ellbogen in den Bauch gestoßen. Ich lasse meinen Sohn von keinem Menschen auf der Welt schlagen."
Na das hätte ja eine wirklich schöne Kettenreaktion auslösen können wenn alle anderen Eltern ähnlich beschränkt gehandelt hätten wie Herr Lorant...
Am einfachsten zu lösen wäre das Problem vom Schiedsrichter, der hat nämlich auch die Möglichkeit diese "Wahnsinnseltern" vom Platz zu schicken.

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